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I'm not a loser baby

Vittorio Brodmanns Bilder erinnern an Slapsticks und Comics. Sie spielen mit absurden, unangenehmen Situationen – und setzen das Moment Einsamkeit als Element der schönen Künste ein /// Dieser Artikel wurde in DADI no2, Juni 2012 veröffentlicht.

Vittorio Brodmann hatte sich ein hohes Ziel gesetzt: Er wollte die Choreografie eines Songs von Ciara, bitchiges R’n’B-Starlett mit grossem Auto und massiven Goldketten, eins zu eins wiedergeben. Eine 4 Minuten 39 Sekunden lange, sehr physische und hoch komplizierte Folge von Bewegungen, die der Künstler live in einer Galerie performte. Welch seltsame, zum Scheitern verurteilte Idee! «Nachspielen ist das richtige Wort. Ich wollte weder eine komische noch eine lächerliche Wirkung erzielen, ich wollte einfach eine Rolle spielen. Ich habe die Bewegungen trainiert und versucht, sie möglichst gut zu reproduzieren. Wie im burlesken Film. Wenn der Star hinfällt, ist das nicht einfach ein Sturz: Er fällt hin, weil es seine Rolle verlangt. Beim Tanz zu Ride von Ciara tue ich genau dasselbe. Es ist eine Interpretation, ich mache einen Job und sehe zu, was passiert.» Misserfolg als künstlerisches Thema, ohne konkret von Misserfolg zu sprechen – eine subtile Unterscheidung. Es gibt Kreative, die diese Dinge sehr ernst nehmen, und andere, die es eher mit Humor angehen. Vittorio Brodmann, der seine Bilder etwa mit Curry Your Enthusiast betitelt, gehört offensichtlich zur zweiten Kategorie.

Der Basler ist zwar auch Performance-Künstler, aber er ist vor allem durch seine Bilder bekannt geworden. Diese beschreiben mit Comicfiguren absurde Situationen, wie etwa Droopy vor dem Genfer Jet d’eau. Der traurige Hund von Tex Avery ist der Prototyp des depressiven Antihelden. In diesem Fall wird er dem Genfer Wahrzeichen beigestellt. Beissender Kitsch und Cartoonstil katapultieren den Betrachter mitunter in einen Zeichentrickfilm von Hanna-Barbera. Oder er fühlt sich an die Joke Paintings von Richard Prince erinnert, jene grossformatigen Bilder, die komische Geschichten erzählen, in denen es stets um Psychiater und amouröse Beziehungen zwischen Mann und Frau geht. «Ich begreife meine Bilder nicht als Cartoons. Zwar verfüge ich stets über eine Sammlung von Illustrationen, die ich aus Magazinen ausschneide oder im Internet finde – Sachen mit eher populärem Charakter. In der leicht grotesken Zeichnung kann ich delikate Situationen erfinden, an der Grenze zu Scham und Verlegenheit. Ich empfinde viel Sympathie für diese Figuren, die ich in Szene setze.» Wird so die Einsamkeit zum Element der schönen Künste? «Ja, aber ohne Zynismus. Eigentlich ist mein Standpunkt der eines Schauspielers. Ich nehme die Stellung des Künstlers ein, der mit dem Bild des heroischen Malers konfrontiert ist.

Die Geschichte eines absichtlich herbeigeführten Misserfolgs, wie im Slapstick eben. Wenn Buster Keaton zu Boden fällt, so ist dies Schauspielerei», sagt Vittorio Brodmann, der anfänglich an der Zürcher Hochschule der Künste studiert hat. «Ich konnte mir nie vorstellen, etwas anderes zu machen als Kunst. Als Jugendlicher war ich oft im Skate-Milieu unterwegs, wo ich Leute wie Mark Gonzales kennenlernte, die später Künstler geworden sind. Ich sagte mir, wenn Mark es schafft, gibt es keinen Grund, warum ich es nicht auch schaffen sollte.» Später schloss Brodmann an der Genfer Haute Ecole d’Art et de Design mit dem Bachelor in Kunst ab. «Ich kam eigentlich nach Genf, um mir eine Ausstellung anzuschauen. Die Stadt gefiel mir. Und ich hatte auch die Ausstellung A New Spirit in Lasagnas gesehen, die der Genfer Fabrice Stroun im Raum für zeitgenössische Kunst New Jerseyy in Basel organisiert hat», erinnert sich der Künstler, der heute in Wien lebt. «Ich mag Wien sehr, die Bewohner pflegen einen ganz besonderen Humor. Sie jammern viel und über alles». Eigentlich wie die Genfer!

AUTOR: EMMANUEL GRANDJEAN
PORTRÄT: ANNIK WETTER

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