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Urs Fischer «Auch ich verstehe die zeitgenössische Kunst nicht.»

Nach Wien und Paris triumphiert Urs Fischer in Venedig mit einer grossen Retrospektive im Palazzo Grassi des milliardenschweren Kunstsammlers François Pinault. Eine Begegnung mit einem einzigartigen Künstler. /// Dieser Artikel wurde in DADI no2, Juni 2012 veröffentlicht.

Müsste man den Schweizer Künstler des Jahres ernennen, so wäre es zweifellos Urs Fischer. Dem breiten Publikum noch eher unbekannt, wird der 39-jährige, in New York lebende Schweizer von Sammlern, Galeristen und Kuratoren aus aller Welt umworben. Urs Fischer reiht eine Ausstellung an die andere wie Perlen, und ebenso wie bei der Perlenschnur erkennt man nach und nach Logik, Kohärenz und paradoxale Eleganz. Nach einer grossen Solo-Ausstellung im New Museum in New York 2009, seiner bemerkenswerten Präsentation an der letztjährigen Venedig-Biennale sowie Ausstellungen in Wien und Paris in diesem Frühling kehrt der Schützling der renommierten Zürcher Galerie Eva Presenhuber nun nach Venedig zurück. Der vom japanischen Architekten Tadao Ando renovierte Palazzo Grassi ist seit 2005 im Besitz von François Pinault, einem der wichtigsten Kunstsammler der Gegenwart und einem grossen Bewunderer von Fischers Œuvre. Unsere Begegnung mit dem Künstler findet im Palazzo statt, wo er mit der Einrichtung seiner Ausstellung «Madame Fisscher» beschäftigt ist, die seinen Parcours von 1990 bis heute zeigt.
Dass es in Strömen regnet, scheint Urs Fischer nicht sonderlich zu stören. Im Gegenteil: Inmitten von durchnässten Touristen und Venedig-Kitsch scheint der Wolkenbruch den Liebhaber von Verzerrungen und Abbildern gar zu freuen. Nicht zuletzt vielleicht, weil er ein grosses Vergnügen darin findet, Wahrnehmungen entgegen der Erwartung aufzubauen. Bei Urs Fischer tut man gut daran, ersten Eindrücken zu misstrauen, denn die Dinge sind nie so, wie sie sich zeigen. Wände haben tatsächlich Ohren, Katzen seltsame Gepflogenheiten, menschliche Körper lösen sich in Nichts auf, Stühle werden weich, Schatten erhalten feste Formen und Zigarettenpäckchen und Glühbirnen nehmen eine seltsame Autonomie an. Das Weiche und Harte, das Schwere und Leichte, das Innen und Aussen, das Ewige und das Vergängliche scheinen bei Urs Fischer eine grosse Freude daran zu haben, ihre Rollen zu vertauschen – im ständigen Wechsel, ganz zum Leidwesen des Betrachters, der nicht weiss, wie ihm geschieht. Schliesslich nimmt alles ein gutes Ende, stets mit Augenzwinkern. Fischers Lachen und Lächeln – manchmal maliziös – lassen Abscheu, Widriges und Morbides aussen vor. Meistens jedenfalls.
Der Künstler gleicht seinem Werk: Unvorhersehbar, nicht besonders gesprächig, aber unglaublich humorvoll. Mit dem Körperbau eines Schwingers und den Tattoos wirkt er etwas einschüchternd, dabei ist er überaus komisch, offen und zugänglich – sofern er Zeit hat und sich diese nehmen will. Normalität gibt es bei ihm nicht, weshalb auch das Interview eine besondere Übung ist. Mit Urs Fischer über Kunst zu reden, heisst, sich mit seiner Lebensfreude und seiner Menschenliebe zu beschäftigen. Aber auch, sich Dingen zu nähern, die er – wie er sagt – nicht wirklich versteht. Hier also der Versuch der Wiedergabe eines höchst amüsanten Unterhaltungs-Pingpongs, das schliesslich mehr über den Künstler enthüllte, als ein langes Geständnis es hätte tun können. Willkommen im Fischerland !

Ausstellungen in Wien, Paris, Venedig – Sie sind zu einem Star der zeitgenössischen Kunst geworden.
Ja, im Moment sieht es ganz danach aus. Aber es ist immer das Gleiche: Plötzlich hat man viele Ausstellungen, und dann wird es wieder ruhig. Deshalb mache ich nicht viel Aufhebens davon. Eigentlich ist es mir egal.

Bedeutet es, dass Sie Dinge machen müssen, die Sie eigentlich nicht möchten?
Nicht mehr als sonst.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen? Eine frühe Berufung? Familiengeschichte?
Mein Vater ist Chirurg, die Mutter homöopathische Ärztin. Sie interessieren sich etwas für Kunst, mehr nicht. Jedenfalls stamme ich nicht aus einer Familie, die jeden Sonntag ins Museum pilgerte. Wir mussten dafür in die Berge. Ich fand das schrecklich.

Sie studierten Fotografie, bevor Sie sich der Bildhauerei zuwandten. Zwei ziemlich verschiedene Bereiche.
Nicht für mich. Fotografie lebt von der Realität, ebenso die Skulptur, weniger die Malerei. Ich habe zwar etwas Malerei betrieben, aber eigentlich mag ich dieses Medium nicht besonders. Ich muss mich davonmachen, muss fliehen können. Bei der Malerei ist das nicht möglich, man muss ihr seine ganze Zeit opfern beziehungsweise schenken.

Bilder entdeckt man vor allem in «Madame Fisscher», einem Œuvre, das Sie 1999-2000 geschaffen haben und das im Atrium im Palazzo Grassi ausgestellt ist. Es handelt sich dabei um die Rekonstruktion Ihres Londoner Studios. Wie sehen Sie das Werk heute?
Bis heute habe ich an Ausstellungen nur selten ältere Arbeiten gezeigt. Ich habe es hier wiederentdeckt, denn es ist seit zehn Jahren Teil einer Sammlung. Es gefällt mir ganz gut, aber ich würde es nicht mehr so machen. Es ist zu romantisch, ja fast schon naiv.

Und weshalb Madame Fisscher mit zwei «s»?
Ursprünglich wollte ich im Atelier eine Wachsfigur aufstellen, in Anlehnung an Madame Tussaud, daher die beiden «s». Die Figur wurde nicht umgesetzt, der Titel jedoch blieb. So einfach ist diese Geschichte.

Sprache und Wörter, vor allem in den Titeln, spielen in Ihrer Kunst eine wichtige Rolle. Bilden diese den Beginn einer Skulptur – oder kommen sie erst ins Spiel, wenn das Werk beendet ist?
Beides ist möglich. Nicht alle Gedanken laufen über die Sprache. In den meisten Fällen ist es so, dass man Dinge erst dann in Worte fasst, wenn die Idee schon da ist. Um ehrlich zu sein: Ich weiss nicht wirklich, wie es funktioniert.

Unter den neueren Werken, die Sie in Venedig zeigen, entdeckt man «Necrophonia», die Rekonstruktion eines «klassischen» Bildhauerateliers mit einem lebenden Modell. Ziemlich ungewöhnlich für einen Plastiker wie Sie, nicht?
Das ist das Resultat eines Experiments, das ich letzten Herbst in Glasgow mit meinem Künstler-Freund Georg Herold machte. Wir arbeiteten mit einem Modell, und jeder von uns schuf seine Skulpturen. Es ist eine Art Statement. Zu Beginn wussten wir nicht, was wir tun würden. Es war eine sehr interessante Erfahrung, die mir gut gefallen hat. Wenn man auf diese Art an die Arbeit geht, muss man nicht nachdenken: Man kreiert einfach drauflos. Normalerweise ist mein Vorgehen durchdachter, konzeptioneller. Ich finde das Ergebnis sehr schön, trotzdem werde ich diesen Weg nicht weitergehen. Mein Freund übrigens auch nicht.

Wie arbeiten Sie normalerweise? Realisieren Sie Ihre Werke selbst oder delegieren Sie an Assistenten?
Beides. Es ist absurd, bestimmte Dinge selbst zu tun. Stunden und Monate im Atelier zu verbringen und immer die gleichen Gesten zu wiederholen – nein, das ist nicht mein Ding. Dann schon eher den Beruf wechseln! Aber auch wenn ich die Arbeit delegiere, bin ich sehr präsent, physisch oder nicht, um zu kontrollieren, ob alles so ist, wie ich es haben will. Es gibt tatsächlich Leute, die ihren Beruf so gut erlernt haben, dass sie nicht mehr in der Lage sind, einfache Dinge auszuführen. Mit dementsprechend schlechtem Resultat. Ich gehe die Dinge nicht von aussen an, ich denke immer von innen her.

Im Palazzo Grassi stellen Sie zwei hoch realistische Wachskerzenfiguren aus, eine davon ein Selbstporträt. Bei der letzten Biennale von Venedig haben Sie eine ähnliche Arbeit präsentiert. Möchten Sie auf diese Art dem Markt entgehen, indem Sie vergängliche Œuvres kreieren, die einfach langsam abbrennen?
Heute stört sich niemand mehr daran, dass sich ein Werk selbst auflöst. Ausserdem handelt es sich dabei um einen Endlosprozess, denn man kann die Werke immer wieder rekonstruieren. Ich habe zwei Gipspositive und kann jederzeit neue Negative erstellen. Der Käufer einer solchen Wachskerzenfigur erhält die Skulptur und das Recht auf Reproduktion. In einem Vertrag ist alles klar festgehalten.

Sie gehören zu den Künstlern, die von François Pinault begleitet und unterstützt werden. In der Welt der Kunst spielt er eine sehr wichtige Rolle. Hat er Ihre Karriere beeinflusst?
Ich denke nicht in diesen Dimensionen, und ausserdem habe ich viele weitere Sammler. Ich schätze an François Pinault, dass er Kunst öffentlich macht und nicht in einem Lager oder in Kisten versteckt. Wissen Sie, einflussreiche Beziehungen sind eine recht komplexe Geschichte, die man immer wieder erlebt, wenn man neue Freunde gewinnt.

Wie sind die Beziehungen zu Ihren Sammlern?
Generell hervorragend. Ausserdem sind es oft Leute, die ein interessantes Leben führen.

Man wirft der zeitgenössischen Kunst vor, dass sie nur schwer zugänglich ist.
Stimmt, auch ich verstehe sie nicht.

Haben Sie diese Art von Skepsis auch schon bezüglich Ihrer Arbeit erlebt?
Manchmal, aber im Prinzip mache ich keine elitäre Kunst. Ich möchte, dass meine Arbeit zugänglich ist. Sagt mir aber jemand, dass er sie nicht versteht, habe ich kein Problem damit. Kunst ist keine Verpflichtung, Kunst ist eine Möglichkeit. Sie bietet die Chance weiter zu gehen, aber auch die Finger davon zu lassen – ganz wie man will. Kunst ist, was man daraus macht, und nicht was man braucht.

Sie leben in New York. Fühlen Sie sich als Amerikaner oder als Künstler aus der Schweiz?
Keine Ahnung. Hier bin ich vielleicht Europäer, drüben Amerikaner. Das kommt darauf an.

Kein Heimweh nach der Schweiz?
Ich habe viele Freunde in Zürich, und ich mag auch die Stadt. Aber im Moment habe ich überhaupt keine Lust zurückzukehren. Zudem lebt meine Familie in New York, auch meine Tochter kam dort auf die Welt. Im Gegensatz zu anderen Menschen hege ich jedoch keine romantischen Gefühle für New York. Ich mag die rohe Seite, den Mix. Und es ist eine Stadt, die funktioniert. Natürlich gibt es in den USA viele soziale Spannungen, aber sie unterscheiden sich von denen in Europa. Zudem ist es das einzige fremde Land, wo ich kein Fremder bin. Und bin ich es trotzdem, dann ist das dort kein Problem.

AUTORIN :MIREILLE DESCOMBES
FOTOS: MATTEO DE FINA / STEFAN ALTENBURGER

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