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Etwas über Tomás

Wir sehen was, was ihr nicht seht. Fünf Menschen aus Tomás Alonsos Umfeld erzählen, wie sie den erfolgreichen Designer erleben./// Dieser Artikel wurde in DADI no2, Juni 2012 veröffentlicht.

Tratschen geht gar nicht. Man darf nicht hintenrum reden. Und doch ist einer der besten Wege, etwas Neues über jemanden erzählen zu können, andere über ihn auszufragen. Tratsch ist auch ein Mittel, um die Hauptfrustrationsquelle des Designjournalismus im digitalen Zeitalter elegant zu umschiffen: Die Internet-Recherche nämlich; zu merken, dass - hat eine Person einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt - Google fast jede relevante Frage druckreifer beantworten kann als der zu Porträtierende selber.
Ein Designer ist ja keine einsame Insel irgendwo in seinem Schaffensozean. Sondern er ist auch seine Geschichte, sein Netzwerk, sein privates und berufliches Umfeld, das mitunter etwas Anderes in ihm sieht, als er in sich selber sehen kann und möchte. Tomás Alonso: Der sympathische, offene Spanier, der bestimmt viel Arbeit hat, aber nie gross gestresst erscheint, einer von denen, die man mittlerweile nicht mehr <Shootingstar> oder <talentierten Nachwuchsdesigner> nennen darf, sondern ohne Vorbehalte einfach <erfolgreich>: Tomás, wenn über ihn geschrieben wird, Tomás aus der Ferne. Und von nah?
Natürlich kein Tratsch hintenrum. Sondern: «Tomás Alonso, welche fünf Personen sollen wir über Dich befragen, um ein möglichst komplettes Bild zu erhalten?» «Eli Alonso, Designerin und meine kleine Schwester. Oscar Narud, mein Freund, Studien- und Studiokollege. Michael Marriott, auch er Designer und Tutor während meiner Studienzeit am Royal College of Art. Massimo Martino, Besitzer der italienischen Firma Maxdesign, für die ich im Moment ziemlich intensiv arbeite. Brynjar Sigurdarson, mein ehemaliger Student und jetziger Assistent an der écal.»Und mit dieser Auswahl hat man bereits einiges aus Tomás (google-barem) Leben zusammen: Geboren wurde er 1974 in Vigo, Spanien, einer mittelgrossen Stadt am Meer, er hat zwei Schwestern. Nach einer ziemlich langen Zigeunerphase, Stationen in Australien und den USA, ist er vor 6 Jahren in London gelandet, wo er am Royal College of Art studiert hat. Ob er dort bleibt? Tomás nimmt‘s wie‘s kommt. Er ist zufrieden mit seiner Situation, mit seiner Arbeit und dem Atelier, das er sich mit 12 anderen Designern teilt. Einer von mittlerweile ziemlich vielen Auftraggebern ist Maxdesign, und alle zwei Wochen fliegt Tomás nach Lausanne, um an der écal zu unterrichten.
www.tomas-alonso.com



ELI ALONSO, Kleine Schwester und Designerin

«Was soll ich über meinen grossen Bruder sagen. Er war mir immer ein Vorbild, hat einen guten Geschmack; war ein Schaffer, ein Kämpfer von klein auf. Alles was er erreicht hat, hat er sich selber erarbeitet und verdient. Er ist ein guter Tortilla-Koch mit einem grossen Herz. Tomás ist magisch, und unsere Beziehung ist es auch. Er und unsere grössere Schwester haben sich um mich gekümmert, als ich klein war. Die beiden waren sich sehr ähnlich. Wie Klone. Wir haben zusammen Baumhäuser gebaut und Möbel dafür. Tomás wusste damals wohl noch nicht, dass das mal sein Beruf sein würde. Oder er konnte es einfach nicht benennen. Dass er einmal Dinge entwerfen würde, war uns allen allerdings schon immer klar. Wegen seiner Zeichnungen zum Beispiel: Als er klein war, faszinierten ihn Fahrräder, er schwamm gern, und er machte Skizzen von Future-Autos, die er an Autofirmen schickte. Eines Tages kam ein hoher Angestellter einer bekannten Automarke vorbei und wollte ihn kennenlernen. Wegen seiner Zeichnungen! Was haben wir gestaunt, er war doch noch ein Kind! Tomás und der Mann schrieben sich noch jahrelang.
Als mein Bruder mit 19 als Au Pair in die USA ging, um Englisch zu lernen, zeigte der Vater der Familie seine Zeichnungen einem Unternehmer in Miami, der Tomás in der dortigen Niederlassung einer italienischen Firma als Autoreifen-Entwerfer anstellte und ihm ein Industriedesign-Studium am Fort Lauderdale Art Institute ermöglichte. Damals hat seine Karriere angefangen. Auch wenn er ganz andere Dinge entwarf als heute.
Wir sehen uns selten, haben beide viel zu tun. Schon sehr früh sind wir in verschiedene Städte gezogen, haben uns dran gewöhnt, weit weg voneinander zu leben, und uns dennoch nahe zu sein. Ich beobachte immer sehr genau, was er macht, erwarte seine Erfolge und Fortschritte. Tomás Stärken sind seine Konstanz und sein Geschmack. Seine Schwäche vielleicht die Langsamkeit. Er hat einen Stil gefunden, der in ausmacht und von anderen abhebt, und ich bin ein grosser Fan, bewundere aber beneide ihn nicht.»
cargocollective.com/brutal



MICHAEL MARRIOTT, Tutor und Designer

«Tomás und ich haben uns am Royal College of Art kennengelernt. Ich war sein Tutor, habe ihn aber nie längere Zeit unterrichtet. Als ich ihn zum ersten Mal sah, erzählte er gerade einigen Leuten von den Leichtmetallrädern, die er in Miami entwarf, und von Galizien, seiner Heimat. Heute treffen wir uns in London oft bei Designevents.
Tomás war ein ausgezeichneter Student. Er schien schon damals sehr ernsthaft und reif, und er war sehr lebendig im Denken. Er hat nach dem Studium im gleichen Stil weitergemacht, er entwarf eine gute Sache nach der Anderen. Und so wird es auch in Zukunft sein: Harte Arbeit, tolle Produkte. Kürzlich habe ich Tomás Projekte im Rahmen der Vorbereitung einer Ausstellung, die ich in London für das Crafts Council kuratiere, genau angeschaut und beschrieben.
Sehr gut finde ich seine Arbeit für Camper: Für die Ausstattung der Läden hat er einige seiner Möbel-Ideen in interessanter Richtung weiterentwickelt, hat sie zu einem kompletten Retail-Konzept ausgearbeitet, das das Brandimage unterstützt, die Schuhe optimal präsentiert und trotzdem einen starken eigenen Charakter bewahrt. Von seinen Arbeiten als Student kann ich mich gut an dieses geriffelte Besteck aus Chromstahlblech erinnern, das heute von Italesse produziert wird. Stamp Cutlery heisst es, und ist mit seinem reduzierten Gewicht für den Gebrauch Zuhause und unterwegs konzipiert. Es ist formal sehr schön gelöst. Aber ich weiss bis heute nicht, ob ich es als nützlich und alltagstauglich oder als eher überflüssig einschätzen soll.»
www.michaelmarriott.com



OSCAR NARUD, Freund und Studiopartner

«Tomás ist ein guter Freund. Er kauft viel Kaffee und bringt immer welchen für andere mit. Er ist vertrauenswürdig und arbeitet viel, ist morgens immer der Erste im Studio. Ausserdem ist er ein guter Radfahrer, ein begnadeter Gastgeber und ein immer besserer Tischtennis-Spieler. Er hat den ordentlichsten Schreibtisch im Studio. Als ich Tomás das erste Mal sah, trug er ein Bandana. Er kam aus Miami! Das war 2004 am Royal College of Art. Wir studierten zusammen, wurden Freunde und teilten mit einigen anderen die Leidenschaft für unser neues Leben in London, für unsere Arbeit, fürs Spielen. Nach dem Studium schloss sich die Gruppe zum OKAY Studio zusammen. Im Atelier verbringen wir die meiste Zeit, unsere Freundschaft wird immer stärker und wir sehen uns fast jeden Tag, treffen uns auch in der Freizeit, wann immer möglich. Das ist wohl das beste Zeugnis für unsere Freundschaft und dafür, wie sehr wir die Gegenwart der Anderen schätzen.
Wie jeder der 13 Studiopartner ist Tomás ein integraler und wichtiger Bestandteil des Arbeitsumfelds. Neben dem Geruch nach frischem Kaffee bringt er gute Laune und positive Energie mit; richtig wütend wird er nie. Wir teilen uns Raum, Werkzeuge, Essen, Kaffee, Bier, und Know-How, beurteilen gegenseitig unsere Arbeiten. Die Kritik kann harsch sein, ist aber immer produktiv und hilfreich, ausser sie kommt erst, wenn man zwei Stunden vor einer Deadline steht. Wir haben einige kleinere Projekte als Studio realisiert, etwa für den Möbelhersteller Arco; manchmal bilden wir Teams. Für Ausstellungsszenografien zum Beispiel.
Seit zwei Jahren geht bei Tomás ein beständiger Strom an Aufträgen ein. Er bleibt dabei immer ruhig und managt seine Zeit und Ressourcen gut. Er ist bereit, sich auf jedes neue Projekt einzulassen, es zu verstehen und dabei etwas zu lernen. Dass einer das so gut kann und macht wie Tomás, ist wertvoll (und rar) in unserem Arbeitsumfeld. Aber ich beneide ihn nicht um diese Fähigkeiten, sondern darum, dass er weiss, wie man die besten Tortillas bäckt.»
www.oscarnarud.com, www.okaystudio.org



MASSIMO MARTINO, Auftraggeber und Firmenbesitzer

«Ich habe mit Tomás an der diesjährigen Möbelmesse in Mailand eine Kollektion von Tischen und Accessoires für meine Firma Maxdesign lanciert. Die Serie heisst Offset und ist für den Heim- und Vertragsbereich gedacht. Wir haben uns über gemeinsame Bekannte kennengelernt und sofort begonnen, unser Projekt zu entwickeln. Für Maxdesign suchte ich damals einen jungen aber entwurfs- und konzeptionstechnisch reifen Gestalter, wir wollten ein multithematisches und nachhaltiges Projekt entwickeln. Tomás war der Richtige dafür.
Es ist einfach, mit ihm zusammenzuarbeiten, sich mit ihm über Bekanntschaften und Erfahrungen in der Designwelt auszutauschen. Ein Bild, das ich oft vor Augen habe, wenn ich an Tomás denke, ist, wie er in die Analyse des ersten Prototyps eines Offset-Tisches vertieft ist: Mit dieser grossen Leidenschaft, die seine Art zu arbeiten charakterisiert. Mit ihm haben wir einen Designer mit sicherem Talent gefunden; seine Stärken sind seine Passion, seine Kreativität, seine technisch Kompetenz und sein umfangreiches Wissen über Materialien. Manchmal beneide ich ihn um die Fähigkeit, sich in egal welchem Kontext zurechtzufinden und sich darin einzubringen. Tomás ist grundlegend multikulturell, das zeigt sich in seiner Kreativität und in seiner persönlichen Art.
Ich bin überzeugt, dass er in nächster Zeit berühmt wird. Er hat eine klare Handschrift, eine ganz typische Vorgehensweise, das was mich daran am meisten berührt, sind seine Begabung, sein Geist und sein Verstand, und die Fähigkeit, sich sein Wissen zu Nutze zu machen und es in jedem Themengebiet umzusetzen.»
www.maxdesign.it



BRYNJAR SIGURDARSON, Student und Designer
«An der écal unterrichtete Tomás mich in einem Projekt, bei dem die Studenten die Aufgabe hatten, sich eine fiktive Person auszudenken und Objekte für sie zu entwerfen. Auch für meine Diplomarbeit, bei der er mein Tutor war, habe ich die damals gelernte Methode angewendet, und heute versuche ich, sie für mich zu verfeinern, an meine Bedürfnisse und Möglichkeiten anzupassen: Das Designen vor dem Hintergrund imaginärer Welten, Geschichten und Charakteren bestimmt meine Vorgehensweise immer mehr. Auch Tomás selber hat anlässlich des letzjährigen London Design Festival bei einem entsprechenden Ausstellungs-Projekt mitgewirkt, Vera Chapter One (www.verachapterone.com): Kreative aus verschiedenen Bereichen haben Objekte für Vera, eine imaginäre Dame mittleren Alters, entworfen; es ging darum, einen Schritt weg vom Design für den Massenmarkt, dem Gestalten für eine standardisierte Durchschnittsperson, hin zu Produkten für ein Individuum (Vera) zu machen.
Tomás hat mir mit seiner Entwurfs-Methode geholfen, mir über Persönliches und über meinen Weg als Designer klar zu werden. Er ist mein Lehrer, er hat mich dazu gebracht, Dinge zu entdecken und zu erforschen, an die ich vorher gar nicht gedacht hatte. Er hat mich ausserdem spüren lassen, dass MEINE Projekte in MEINER Hand sind, er gab mir wertvolles Feedback, wir hatten gute Diskussionen. Ausserdem ist er ein sehr netter Mensch. Ich treffe ihn oft an der écal, an der ich jetzt als Assistent arbeite und er noch immer alle zwei Wochen unterrichtet. Wir trinken Kaffee zusammen und sprechen über Projekte und so. Manchmal beneide ich ihn um seine Haltung, dass er sich – trotz seinem Erfolg - nicht zu schade ist, sein Wissen und seine Erfahrungen an junge aufstrebende Designer weiterzugeben.»
www.biano.is




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