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Die zwei Heimaten von INCH

2004 beschlossen Thomas Wüthrich und Yves Raschle, Möbel in einer indonesischen Schreinerschule zu produzieren. Neun Jahre später heisst das Abenteuer von damals INCHfurniture. Ein Besuch. /// Dieser Artikel wurde in DADI no5, April 2013 veröffentlicht.

Das Atelier befindet sich am Ende des Westquais im Basler Hafengebiet, präzise gesagt im Dreiländereck Schweiz, Frankreich und Deutschland mit dem Rhein am Horizont. Von seinem Bürofenster aus kann Thomas Wüthrich das Ein- und Auslaufen der Frachter verfolgen. «Der ideale Beobachtungsposten, wenn unsere Container ankommen», sagt Thomas, zusammen mit Yves Raschle Gründer von INCHfurniture. INCH steht für Indonesien (IN) und Schweiz (CH), für die Verbindung von Kulturen und der Kontinente Asien und Europa – vor allem aber für das Designbüro, das Tische, Stühle und Wohnaccessoires entwirft, diese aus Teakholz in Semarang im Herzen der Insel Java produzieren und in Containern nach Basel transportieren lässt.
Alles begann im Jahr 2004. «Eine Schweizer NGO suchte Designer, die bereit waren, den sechsmonatigen Zivildienst in Indonesien zu absolvieren – in einer Schreinerschule, die in den 50er Jahren von der Schweiz aufgebaut wurde», erzählt Thomas. «Yves und ich waren interessiert. Erstens, weil wir noch nie in Asien waren, vor allem aber, weil wir es spannend fanden, eine fremde Kultur via Arbeit kennenzulernen. Kaum angekommen, haben wir uns in die Region verliebt.»
Die Idee, Möbel in der Holzfachschule PIKA zu produzieren, wo die die besten Schreiner des Landes ausgebildet werden, konkretisierte sich sehr bald. «Wir brauchten drei Jahre, um das Unternehmen aufzubauen, die Logistik zu definieren und Marktmöglichkeiten abzuklären.» Die einzelnen Teile werden in Indonesien fabriziert, die Holzelemente in der besagten Schule in Semarang, Möbelbeschläge und Metallstrukturen in der Fachschule für Maschinenbau in Solo. Zusammengesetzt werden die Möbel in der Schweiz, und dort erhalten sie auch ihren letzten Schliff. Verantwortlich dafür sind Yves und Thomas, in Stosszeiten unterstützt von Pepe und Nathalie.
Die Produkte entstehen somit in zwei Phasen, ihr wichtigster Rohstoff ist Teakholz. «Das Holz stammt aus streng nachhaltig bewirtschafteten Plantagen», erklärt Thomas. Wäre dies nicht gesichert, würde er die Produktion an einen anderen Standort verlegen. «Das Leder, zum Beispiel. In Indonesien weiss man nicht, von welchem Tier es stammt. Deshalb ziehen wir es vor, Leder in Basel zu verarbeiten, denn hier steht fest, woher die Häute stammen.»

Die beiden Designer verbringen im Turnus jeweils ein bis zwei Monate in Indonesien und verfolgen die Produktion. Die INCH-Macher diskutieren mit den Handwerkern über technische Belange und Arbeitsprozesse, ästhetische Fragen sind jedoch kein Thema. «Wir hatten nie die Absicht, den lokalen Stil – ein sanfter Mix aus holländischem Kolonialismus und traditionellen Einflüssen aus China, Indien und Japan – an unsere westlichen Gewohnheiten anzupassen. Unser Hauptmarkt ist und bleibt Europa. Selbst wenn, dank Internet, Stilfragen laufend an Aktualität verlieren.» Wichtig war das Erlernen der Sprache. «Sie ist der Schlüssel, um eine andere Kultur zu verstehen. Selbstverständlich könnten wir uns mit dem Schuldirektor auf Englisch unterhalten, nicht aber mit den Schreinern, die unsere wichtigsten Kontaktpersonen sind. Zudem ist die indonesische Sprache ziemlich einfach, es gibt weder Vergangenheit noch Futur, man drückt sich im Präsens aus.»
Die beiden Schweizer knüpften Beziehungen, und im Laufe der Zeit sind sie feste Mitglieder der Gesellschaft am andern Ende der Welt geworden. «Wir sind jeweils beim Atelierchef untergebracht, leben den Alltag mit ihm, waren auch schon zu Hochzeiten geladen.» Indonesien ist zum zweiten Sitz des Unternehmens geworden. Jede Kreation trägt die tropische
Herkunft in sich, INCH-Möbel werden mit den auf der Insel gebräuchlichen Zahlen bezeichnet. «Satu bedeutet eins, Dua zwei, Tiga drei und so fort», erklärt Thomas beim Blick in den Produktekatalog. Eine Ausnahme von der Namensgebung ist die Serie Shanghai, die speziell für den Schweizer Pavillon an der Weltausstellung 2010 konzipiert wurde. Es war für das kleine Basler Unternehmen der erste Grossauftrag – und zugleich ein ultimativer Test der Produktionsabläufe. «Wir mussten beweisen, dass wir fähig sind, innerhalb von sechs Monaten Hunderte Stühle und ein Dutzend Tische zu designen und zu produzieren.» Es funktionierte, und der Shanghai Lounge Chair ist mittlerweile einer der Bestseller des Labels. Im ersten Stock des Ateliers gestapelt, warten die Stücke auf den Containerverlad, um unter dem Fenster von Thomas Wüthrich und Yves Raschle auf dem Wasser ihrer neuen Destination entgegenzugleiten.
www.inchfurniture.ch

AUTOR: EMMANUEL GRANDJEAN
FOTOS: DANIELA DROZ & TONATIUH AMBROSETTI

DADI Daily
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