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Jakob Bill: “Mein Vater und ich haben eine ähnliche Farbpalette“

Er hat sich ganz der Malerei gewidmet und in die Farbe vertieft, während sein Vater Max Bill eine Generation der Moderne disziplinenübergreifend prägte. Der Zürcher Künstler Jakob Bill arbeitet als Vertreter der zweiten Generation mit subtilen Farbverläufen, Überlagerungen und Transparenz, und schafft so auf der Leinwand räumliche Effekte, Bewegung, Leichtigkeit und Poesie. Seine Bilder scheinen zu vibrieren und zu klingen, in ihre Umgebung auszustrahlen, mit ihr zu verschmelzen. Eine Begegnung mit dem Künstler, der mit Farben komponiert.

Gemeinsam mit der Firma Wohnbedarf haben Sie kürzlich eine neue farbige Edition des von Ihrem Vater entworfenen «Ulmer Hocker» herausgegeben. Die Farbauswahl basiert auf Nuancen, die Max Bill in seinen Bildern verwendet hat. Worin unterscheidet sich Ihre eigene Farbpalette hauptsächlich von derer Ihres Vaters?
Mein Vater und ich haben eine ähnliche Farbpalette: Wir bevorzugen beide starke oder Pastellfarben, kaum Braun, kaum Erdtöne. Mein Vater hatte für eine Reihe seiner Werke Komplementärfarben einander gegenübergestellt. Dies kann auch in meiner Farbwahl vorkommen, ist aber untergeordnet, da ich vor allem Farbabläufe auftrage. Und diese können entweder von einer Farbnuance in eine andere übergehen, oder sich verdunkeln und aufhellen.

Sie haben Archäologie studiert und praktiziert. Existieren Parallelen zwischen archäologischen Prozessen und der Malerei?
Als Parallele könnte man den Prozess des intellektuellen Suchens nach einem Lösungsweg anführen. In der Archäologie versuchen wir mittels Funden, die meist nur fragmentarisch vorhanden sind, und Fundsituationen ein Geschichtsbild der Menschen in der noch schriftlosen Vergangenheit nachzuzeichnen. Bei meiner Art Malerei sind es Form- und Farb-Konstellationen, die letztlich zu einem komplexen Bild führen und den Betrachter verlocken, dieses mit mehr als nur einem kurzen Blick zu würdigen.

Sie sind in der Konkreten Kunst zuhause. Lassen Sie sich durch Farben in Ihrem alltäglichen Umfeld inspirieren? Welche Farben umgeben Sie im Wohnraum?
Farben haben selbstverständlich täglich Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Spezielle Kombinationen können auch bestimmten Stimmungen entsprechen. Solche Stimmungen dann in ein Bild zu übertragen ist die grosse Kunst.
Zuhause schätze ich weisse Wände und neutrale Böden, die Einrichtung ist neutral (weiss, grau, schwarz) mit farbigen Akzenten. Auf den weissen Wänden kommen einerseits die Farben der Bilder klarer zur Geltung und bei gewissen Bildern löst sich der effektive Bildrand in der Umgebung auf.

Können Sie sich an einen Ort erinnern, an welchem Sie die Farbe oder ein Zusammenspiel von Farben besonders beeindruckt hat?
Sehr schöne Farbspiele sind im Wasser des Indischen Ozeans zu sehen – einerseits in dessen Lichtbrechungen und andererseits in seiner bunten Fauna und Flora. Und immer wieder gibt es überall wunderbar farbige Sonnenuntergänge.

Kann Farbe ähnlich wie eine Droge wirken?
Ich glaube, dass Farbe sehr stimulierend wirken kann. Allerdings hat fast jeder Mensch eine andere Farbempfindung und dann gibt es ja auch noch das Phänomen der Farbfehlsichtigkeit, wie zum Beispiel die Rot-Grün-Blindheit.

Nehmen wir Farben nur mit den Augen wahr?
Nehmen Sie eine Tomate, oder eine Zitrone: Was stellen Sie sich für eine Farbe vor? Erkennen wir zuerst ein Gewächs mit dem Geschmack- und Geruchsinn und setzen es umgehend mit einer Farbe in Beziehung? Oder ist es vielleicht umgekehrt: Evoziert die Farbe spontan einen Geschmack und Geruch?

Ist es möglich, vor lauter Farbe blind zu werden?
Ich habe noch nie von einem solchen Phänomen gehört. Was aber auftreten kann, ist als «afterimage» (optische Illusion) eine Komplementärfarbe der gesehenen Farbe.

Ihre Meinung zur von Pantone designten «Color of the Year 2014 – Radiant Orchid»?
Persönlich habe ich Lila und Violett-Töne sehr gern. Allerdings finde ich es falsch, jedes Jahr einen speziellen Farbton als «Farbe des Jahres» in Mode zu bringen. Die Farben wirken in ihrem Kontext und nicht als Jahresgabe. Eine Farbe ist als solche unvergänglich. Bei Phalaenopsisblüten ist im Original die Farbe sowieso stärker ausgeprägt, da auch noch Ultraviolett dazukommt, das wir nur bedingt sehen können und einzig die Insekten als Anziehungselixier wahrnehmen.

Form und Farbe erzeugen zusammen die Spannung in Ihren Bildern. Was ist zuerst: Form oder Farbe?
Die Form, bzw. der Grundraster ist Vehikel, auf dem die Farbe aufgetragen wird. Die Form wird zuerst auf die Leinwand gezeichnet. Dieser Zeichnung folgt dann die erste Farbe, nach welcher sich die anderen richten müssen. Es ist unmöglich, meine Bilder in einem Tag fertig zu malen, denn sie bestehen aus mehreren Arbeitsschritten. Durch die Trocknungszeit der Ölfarbe liegt zwischen diesen einzelnen Schritten jeweils mindestens ein Monat.

Bilder der Konkreten Kunst erinnern an Musik-kompositionen. Wie eng ist Ihre Kunst in ihrer Farbigkeit mit Musik verwoben? Ist Malen mit Musik machen vergleichbar?
Das stetige Mischen der Farbe hat seinen Rhythmus, und so läuft bei mir immer Musik während meiner Zeit im Malatelier – meistens etwas zwischen modernem und Avantgarde- Jazz. Im Amerikanischen ist eine klare Grenze gesetzt: Malerei = Visual Art und Musik = Performing Art. Dass sich aber diese Grenzen verschieben können, zeigen die Aktionen einzelner Künstler. Wie zum Beispiel im Action Painting, das mit der freien Musik-Improvisation verglichen werden kann.

Sie bringen mit einem Verlauf ins Weisse Farbe zum Verstummen.
Ein «Auflösen» der Farbe ins Weisse löst beim Betrachter Fragen aus. Was passiert? Wo endet die Farbe wirklich? Geht die Farbe über den Bildrand hinaus und wird eins mit dem Hintergrund, der Wand?

www.bill-stiftung.ch

AUTORIN: JOHANNA RICKENBACH
PORTRÄT: PETER GAECHTER
AUSSTELLUNGSANSICHT MUSEUM HAUS KONSTRUKTIV
FOTO: STEFAN ALTENBURGER


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