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Heinz Isler, Meister des Schalenbaus

Die Werke der Experimental-Architektur waren für ihre Epoche einzigartig. Wer sie heute neu betrachtet, der würdigt auch die Vielfalt unserer Geschichte. /// Dieser Artikel wurde in DADI no5, April 2013 veröffentlicht.

Zaha Hadid, eingeladen von David Chipperfield, dem künstlerischen Leiter der letzten Architektur-Biennale in Venedig, Common Ground, zeigte im Zusammenhang mit ihrer Installation Arum die Arbeiten von Frei Otto, Felix Candela und Heinz Isler. Es ging der weltberühmten Architektin nicht bloss um eine Hommage an ihre formalen und technischen Erfindungen. Sie sah sich als ihre Nachfolgerin und wollte insbesondere Heinz Isler, einen der brillantesten Bauingenieure des 19. Jahrhunderts, ehren.

Der Schweizer Heinz Isler prägte nach dem Zweiten Weltkrieg die Geschichte der Architektur und des Bauingenieurwesens. Er war neugierig, intuitiv und zukunftsgerichtet. Seine Grundlagenforschungen sowie die Entwicklung verschiedener technischer Verfahren zur Errichtung dünnwandiger gewölbter Stahlbetonüberdachungen mit grosser Spannweite brachten ihm internationale Anerkennung ein. Isler konnte viele Projekte in der Schweiz und im Ausland realisieren. Es heisst, dass Frédéric Sachs, der Besitzer und Direktor der Löschgeräte-Fabrik Sicli, oft die damalige N1 zwischen Genf und Zürich benutzte und durch die Tankstelle Deitingen Süd auf die Arbeit Islers aufmerksam wurde. Das erstaunliche Gebäude gefiel Sachs, und er vertraute dem Architekten den Bau seiner neuen Fabrik in Genf an, die insbesondere wegen ihres Dachs aus zwei asymmetrischen Betonschalen zu Islers berühmtestem Gebäude wurde.

Den Wendepunkt in seinem umfangreichen Werk stellte jedoch die Überdachung der Tankstelle von Deitingen dar. 
Auch wenn das bescheidene, funktionale Gebäude bloss den Zweck haben sollte, an einer immer stärker befahrenen Autobahn Dienstleistungen für die Fahrzeuge und ihre Benutzer anzubieten, ist seine Architektur leicht, elegant, technisch gewagt. Der symmetrische Grundriss ist aus der Bewegung der Fahrzeuge abgeleitet. Die beiden nebeneinander stehenden, dünnen Stahlbetonschalen bieten den nötigen Schutz und Komfort. Sie stützen sich auf je drei Punkte. Als zentrale Auflagestelle für die beiden Schalen dient ein einstöckiges Gebäude, das parallel zur Autobahn steht und den Durchreisenden Verpflegungs- und Einkaufsmöglichkeiten bietet.
Die sehr einfache Architektur zeugt von den damals revolutionären technischen Möglichkeiten. Die Betonschalen weisen eine geringe Wölbung auf und sind an der höchsten Stelle weniger als 10 cm dick. Ihr Bau war ein Wagnis, das sehr gut geplant sein musste. Die Überdachung ist mit Spannweiten von 31 und 26 Metern ein technisches Meisterwerk. Nun könnte man das Gebäude einfach als ein gelungenes avantgardistisches Projekt sehen und es dabei bewenden lassen. Interessant ist jedoch, dass die Tankstelle eine der ersten Bauten ist, bei denen der leere Raum im Vordergrund steht. Der Zweck des Gebäudes war einzig, die Benutzer der Autobahn bei jedem Wetter empfangen zu können. Somit ist seine Architektur frei von Wänden oder Scheiben und allem Überflüssigem. Isler liebte strukturelle, selbsttragende und skulpturale Formen, wie auch die Modelle zeigen, die er in seinem Garten baute.
 Bereits 1959 präsentierte er in Madrid am Kongress der «International Association of Shell Structure» (IASS) seine Methode zur Herstellung von nicht geometrischen Schalen, genannt «New Shapes for Shells». Ihre Gestalt inspirierte sich aus Naturphänomenen im Bereich der Statik, mit denen Isler experimentierte. Die Schalenformen entstanden durch Versuche mit aufgehängten Tüchern oder aufgeblasenen Membranen, die er mit Gips oder Beton versteifte, oder mit nassen Tüchern, die er gefrieren liess – und die, wenn man sie umdrehte, zwar vergängliche, aber erstaunlich widerstandsfähige Wölbungen bildeten. So entdeckte Isler neue, von der allerseits angewandten Geometrie befreite Formen. Die am Kongress ausgestellten Modelle riefen bei den anwesenden Spezialisten Erstaunen hervor, und die von Isler entwickelte plastische Autonomie leitete um 1960 eine Wende ein. Sie beeinflusste viele Bauingenieure und vor allem Architekten, die das Bedürfnis verspürten, formaler und intuitiver zu arbeiten.

Die Tankstelle und das 1977 in Stuttgart geschaffene Freilichttheater basieren auf den Experimenten des Ingenieurs Islers und seiner Suche nach neuen Formen. Sie waren auch Teil eines internationalen Trends zu neuen ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten, getragen von dem Bedürfnis, sich von den üblichen starren geometrischen Berechnungen und Bauweisen zu lösen.
Die Entwicklung der Schalentragwerke – vom 1926 gebaute Zeiss-Planetarium in Jena, der ersten Realisierung einer Halbkugel aus Stahlbeton, bis zu den fortgeschrittensten Recherchen am Ende der 60er Jahre – von vielen wichtigen Persönlichkeiten gefördert. Bauingenieure wie Eduardo Torroja, Robert Maillart, Felix Candela und Heinz Isler prägten ihre Zeit. Auch wenn jeder von ihnen seine eigenen Recherchen durchführte, öffnen sie alle den Weg zu neuen technischen und plastischen Vorgehensweisen, die zu einer Autonomie der Form tendierten und immer höhere technischen Anforderungen erfüllten.
Doch die Erdölkrise Anfang der 70er Jahre führte zu einer neuen Bewusstheit. Man fürchtete eine zunehmende Energieknappheit und deren wirtschaftliche Folgen. Somit wurden auch die Schalenbauten mit ihren riesigen Volumen angesichts des übermässigen Energieverbrauchs fragwürdig. Der Bau von Betonschalen wurde aufgegeben, und man vergass den technischen Fortschritt und die räumliche Qualität der Schalenbauten.
Bei den freistehenden symmetrischen Betondächern der Tankstelle Deitlingen spielt die Energie jedoch keine Rolle – schliesslich enthalten sie nur Luft und Leere. Sie sind formal und ästhetisch bewundernswert und zeugen von der aussergewöhnlichen Experimentier- und Schaffensfreude eines kreativen Bauingenieurs, der inspiriert war von der Räumlichkeit dieser Formen. Diese lässt sich auch im Heute noch erfahren – ein guter Grund, an der Tankstelle anzuhalten.

Biografie :
- Heinz Isler, geboren 1926 in Zollikon, gestorben 2009 in Bern.
- Heinz Isler schloss sein Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich mit einem Diplom als Bauingenieur ab und wurde 1950 Assistent von Pierre Lardy.
- 1954 zeigte er in Madrid (IASS – Internationale Vereinigung für Schalenkonstruktionen) seine Forschungsarbeiten und Entdeckungen zu nicht geometrischen Formen. Er schuf weltweit mehr als 1000 Betonschalen und Projekte und war ein allerseits geschätzter Spezialist auf diesem Gebiet.
- Das 1969 fertig gestellte Sicli-Gebäude in Genf gilt als sein Meisterwerk.
- Ab 1967 arbeitete Isler an der Tragwerksplanung der Bauten für die olympischen Spiele in München. Er war Honorarprofessor an der Universität von Karlsruhe und Dr. hc der ETH Zürich.
- Durch die Wichtigkeit, die er der Form zumass, wurde Isler zu einem international anerkannten Bauingenieur und Schöpfer von plastischen Bauwerken.


AUTOR: CHRISTIAN DUPRAZ
FOTOS: LAURENCE BONVIN

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