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On the Other Side

Bastien Aubry und Dimitri Broquard inszenieren die Realität in ihrer eigenen Welt. Dabei decken sie alltägliche Absurditäten auf und amüsieren sich nach allen Regeln der Kunst. /// Dieser Artikel wurde in DADI no3, September 2012 veröffentlicht.

Der Krug ist eines der archaischsten funktionalen Dinge. Bastien Aubrys und Dimitri Broquards Jugs, kürzlich ausgestellt am Swiss Institute in New York, sind ohne Funktion. «Wir haben Skulpturen in Form von Krügen geschaffen», so Aubry.
Anfänglich diente ihnen der Krug als Canvas für ihre Zeichnungen. «Eines Tages wollten wir weiter gehen, fühlten uns im flachen Medium begrenzt. Der Gang in die dritte Dimension ergab sich für uns aus dem Zeichnen heraus als logischer Schritt.» Basis für die Jugs bilden handgeformte klassische Krüge, die sie zur Skulptur verformen und bemalen. «Skulpturale Intervention», nennt es Aubry.
Als gelernte Grafiker arbeiten sie in ihrem Atelier in Zürich unter dem Namen FLAG parallel an Aufträgen für vorwiegend kulturelle Institutionen. Seit der gemeinsamen Zeit an der Ecole d’Arts Visuels Berne et Bienne vertritt das Duo eine globale Auffassung von Gestaltung. Ihre künstlerischen Werke, in denen sich verschiedenste Disziplinen verbinden, sind eher als Universen denn als Einzelstücke zu verstehen. So sind auch ihre Jugs, oft zu Türmen gestapelt, in Ensembles formiert.
Aufmerksam und mit kritischem Geist rekonstruieren die beiden ihre unmittelbare Umgebung in ironisch-artifiziellen Welten und reagieren so auf den aktuellen Zeitgeist. «Inspiration finden wir unterwegs im Alltag, in der Art Brut, der Moderne und der Pop Art, in Ruinen und zerfallenden Dingen sowie in der Illusion – den Trompe-l’ Œils.» Diese sind bei Aubry/Broquard etwa im Material oder wie in ihrer Arbeit Les Modernistes in den Dimensionen wiederzufinden und durchziehen ihr ganzes bisheriges Werk. «Wir arbeiten stark mit dem Visuellen. Die Eindrücke, die wir auf der Strasse aufnehmen, hinterfragen wir und lassen sie in unsere Arbeit einfliessen, imitieren sie. Zugleich waren wir schon immer fasziniert von Modellen und Attrappen, vom Absurden und Unechten», sagt Broquard.

Mit scheinbarer Leichtigkeit produzieren sie den Simili, applizieren falsche Marmoroberflächen oder überdimensionale Büchsenerbsen, imitieren gebogene Holzbretter in Keramik, verschieben Grenzen, Dimensionen und Wahrnehmungen. Dabei erheben sie das Banale zur Ikone. Materialien treten zueinander in radikale Konfrontation, Traditionelles kollidiert mit Zeitgenössisch-Abstraktem. Auf subtile und poetische Weise spielen sie mit dem Material, dem archaisch-physisch Greifbaren und erschaffen gleichzeitig Scheinwelten, welche dieses materiell Sicht- und Greifbare erneut in Frage stellen. Ironie, Absurdität, Abstraktion und Expression existenzialistischer Grundgedanken gehen dabei Hand in Hand. Der Impakt an Elementen scheint jegliche Referenz und Orientierung auszuhebeln und überlässt den Betrachter sich selbst – eine Widerspiegelung des zeitgenössischen Lebensgefühls.
Der Jurassier Aubry und der Genfer Broquard arbeiten im Team: «Wir haben weder bestimmte Ansprüche an ein Werk noch eine besondere Arbeitstechnik. In der Kunst sind wir Autodidakten. Wir experimentieren, versuchen Neues aus und entwickeln es dann gemeinsam weiter. Und wir produzieren alles selbst. Oft werden wir überrascht», so Aubry. Ihr jüngstes «Studienobjekt» ist ein Airbrush-Kompressor, der eher zufällig den Weg in ihr Atelier gefunden hat.
Mit diesem gewissen Amateurismus gehen die beiden neugierigen Tüftler in freier Haltung an neue Ideen heran. «Für unsere Keramikskulpturen arbeiten wir mit dem Keramiker Eric Rihs in Les Emibois (JU) zusammen. Um Ideen weiter zu entwickeln ziehen wir uns jeweils für vier Tage in den Jura zurück und experimentieren gemeinsam mit Rihs an neuen Werken.»
Auch das Ausstellungsmobiliar fabrizieren sie selbst: «Uns ist es wichtig, den ganzen Raum miteinzubeziehen, die ausgestellten Werke in Szene zu setzen, sie mit anderen Materialien zu kombinieren oder in Kontrast zu stellen. Dabei achten wir darauf, dass alles zusammen eine Einheit bildet», dies ganz im Sinne eines Gesamtkunstwerks.

Illustration, Skulptur und Ausstellungsmobiliar verflechten sich zu künstlichen Universen. Der Betrachter wandelt in grotesk-bizarren Welten, die auf den ersten Blick Leichtigkeit verströmen. «Ein bisschen wie Disneyland», sagt Broquard. In eine ihrer Ausstellungsinstallationen in Meggen (LU) integrierten sie Holzbalken-Imitate. «Diese Deko-Balken gibt es im Baumarkt zu kaufen. Aus leichtem Styropor sind sie jedoch teurer als aus echtem Holz, was völlig absurd ist. Deshalb waren sie uns Inspiration für Les Misérables.» Die künstlichen Bretter sind in Anlehnung an verwitternde Holzhäuser im Jura entstanden: «Für unsere Keramikskulpturen Les Misérables nehmen wir echtes Holz und dieses auf Tonplatten, welche wir anschliessend verformen. Durch glücklichen Zufall haben wir eine Glasur entdeckt, welche den visuellen Effekt von vermodertem Holz entstehen lässt. Zum setzen wir falsche goldfarbene Nägel als Kontrast, denn die Leute mögen alles, was glänzt.»
www.aubrybroquard.com

AUTORIN: JOHANNA RICKENBACH
PORTRÄT: STEPHANIE GYGAX

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