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Die Amphore

Schon unsere Vorfahren dachten über die Formen nach, die sie ihren Gebrauchsgegenständen gaben. Kleine Studie über Design in der Antike.

Dass die Römer schlau waren, wissen wir. Wir verdanken der Zivilisation der Cäsaren einige brillante Erfindungen: darunter den Zement, die Republik, das Buch und das Spa. Und dann dieser Fehler: die Amphore, ein unpraktisches Teil und sperrig dazu – versuchen Sie einmal, sie aufzustellen. War das Reich wirklich nicht fähig, einen sinnvolleren Behälter zu entwerfen, eine Flasche zum Beispiel? Daran lag es bestimmt nicht. Die alten Römer haben dem Tongefäss mit den beiden Henkeln sicher nicht ohne Grund das schlanke, bauchige Design verpasst. Laurent Flutsch, Archäologe und Kurator des Musée romain de Vidy in Lausanne, erklärt, warum die römische Amphore keinen flachen Boden hat.

«Amphoren waren <verlorene Verpackungen> und in diesem Punkt mit unseren Metallfässern vergleichbar. Sie fassten rund dreissig Liter (vor allem Wein, Öl und Fischsaucen) und wurden direkt an den Produktionsorten der Lebensmittel hergestellt, gelagert und anschliessend auf Schiffe verladen und mit Karren zu den Konsumenten gefahren. Dafür ist ihre Form ganz offensichtlich optimal. Die ovale Formgebung und der fehlende Winkel zwischen dem flachen Boden und dem Bauch, mit dem auf jegliche Bruchlinie verzichtet wird, verstärkt die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Druck, der vom Inhalt ausgeübt wird, zusätzlich.
Auch die Vorwölbung des Bodens wirkt verstärkend, das gilt besonders beim Herumtragen und Ablegen. Ein flacher Boden wäre zerbrechlicher und ein Winkel eine Schwachstelle. Schliesslich sind die schlanke Form und der spitz zulaufende Boden ideal für eine enge, schichtweise Lagerung im konkaven Schiffsrumpf. Die gefundenen Wracks haben klar gezeigt, wie die Amphoren in Halbschichten ineinander verkeilt waren. Mit einem flachen Boden hätten die oberen Amphoren nicht unter die darunterliegenden geschoben werden können, was zu Platzverlust und Instabilität geführt hätte.

Alle diese Fakten zusammengefasst (Druckwiderstand, Stossfestigkeit, Stapelfähigkeit) erklären meiner Meinung nach die Form der Amphore. Diese kann allerdings wie die unserer Flaschen je nach Inhalt und Herkunftsregion variieren.
Es gab sie aber doch, die Amphoren mit Flachboden. Dabei handelte es sich um Weingefässe aus Südgallien, die wahrscheinlich nicht sehr weit auf dem Meer transportiert wurden, sondern auf getreidelten Schiffen die Rhone hinauffuhren. Das Fassungsvermögen dieser Amphoren ist deutlich geringer, vielleicht rund fünfzehn Liter. Diese Ausnahme könnte die Regel durchaus bestätigen.»

DADI Daily
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