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Aesch, Schule aus Beton

Die Werke der Experimental-Architektur waren für ihre Epoche einzigartig. Sie heute neu zu betrachten, heisst, sie zu würdigen und die Vielfalt der Geschichte zu verstehen. /// Dieser Artikel wurde in DADI no3, Oktober 2012 veröffentlicht.

Im Alter von nur 30 Jahren gewinnt Walter Förderer, Partner von Rolf G. Otto und Hans Zwimpfer, nacheinander drei bedeutende Architekturwettbewerbe: Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften St. Gallen, Realschule Aesch und Realschule Brunnmatt in Basel. Die Schulen werden alle im gleichen Zeitraum von 1959 bis 1963 gebaut und sind sich bezüglich Komposition und Organisation sehr ähnlich. Sie stellen für den jungen Basler Architekten ein wichtiges Experimentierfeld dar und bieten ihm die Möglichkeit, seine sich in voller Entwicklung befindende Auffassung von Architektur konkret auszudrücken.
Zwar blickt Walter Förderer kritisch auf diese Periode zurück und bezeichnet sie als «Lehrzeit». Dennoch vermitteln die drei Realisationen, vor allem die Schule in Aesch, bereits eine hervorragende Idee seines eigenständigen architektonischen Stils, der ausschliesslich mit Beton arbeitet, der Basis seines unbestrittenen Meisterwerks: der katholischen Kirche St-Nicolas in Hérémence im Herzen des Val d’Hérens im Kanton Wallis.

«Um ein Haus zu bauen, brauchte es im Vor-Stahlbeton-Zeitalter sämtliche Handwerksberufe. Nach zwanzig Jahren Stahlbeton ist nur noch ein Handwerker vor Ort notwendig, der Maurer», schwärmte Le Corbusier in einem Text, den er 1925 in Arts de la maison publizierte. Auch Walter Förderer strebt mit dem geformten und gegossenen Baumaterial nach einer intimen Beziehung zwischen Projekt und Konstruktion, ein künstlerischer Ansatz, den er als «Architektur - Skulptur» bezeichnet. «Der spannendste Teil der Arbeit beginnt dann, wenn aufgrund der Pläne und Modelle feststeht, dass alle Anforderungen des Projekts so weit erfüllt sind, dass ich sie, trotz allfälliger vorzunehmender Änderungen, nicht aus den Augen verliere. Dann betrachte ich das Gebäude wie eine Skulptur (…). Und ich kann mich frei wie ein Bildhauer der plastischen Realisation des Raums widmen.» 1
Die Realschule Aeschsollte eine in verschiedener Hinsicht entscheidende Realisation werden. Zeitgleich mit der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften St. Gallen erbaut, ist Aesch das «Kleinprojekt», bei dem weniger auf dem Spiel steht, das der Architekt aber gerade deshalb als willkommenes Experimentierfeld nutzt. Während der Schulkomplex in St. Gallen nach rationalisierten, standardisierten, weitläufigen und auch prachtvollen Räumen verlangt (hier werden Kunstwerke von Giacometti und Tàpies ausgestellt), kann Walter Förderer in Aesch seine Auffassung einer visuellen und psychischen Architektur umsetzen. «Wir wollten die Handwerker ermutigen, sich als Bildhauer frei zu betätigen, und liessen ihnen totale Freiheit, die Betonelemente nach ihrem Wunsch zu bearbeiten. Auf diese Art versuchten wir, die mit ihrem unerlässlichen Pendant zu ergänzen.» Damit beginnt auch die Reflexion über die Dominanz von Stahlbeton als einzigem Baumaterial und die Verwendung von nicht standardisierten Produkten im Ausbau.

Auf den ersten Blick nimmt man die Schulanlage als Teil eines geplanten Wohnquartiers wahr. Kommt man ihr näher und geht man drum herum, werden Autonomie und Kompaktheit der massiven Gesamtanlage sichtbar, die in einem einzigen «Betonblock» gruppiert ist. Man denkt an ein am Kai festgemachtes Schiff vor dem Klarmachen. Der kompakte Eindruck wird durch die Masse des auf Pfeilern thronenden Gebäudes verstärkt. Es führt auf den Innenhof, der eher an eine Zugangsplattform als an einen Pausenplatz für Kinder erinnert. Walter Förderer spielt mit den architektonischen Elementen. Die Fenster beispielsweise werden zu einem besonderen kompositorischen Thema. Linear jedem Klassenzimmer zugeordnet, sind sie im oberen Teil mit Lichtzäsuren versehen. Das «plastische Spiel» der Fensterreihen akzentuiert die Identität eines repräsentativen und bedeutenden Werks. Diverse Elemente der Aussenanlage, die exklusiv aus verschaltem Beton gefertigt sind, vermitteln den Eindruck eines Gesamtkunstwerks. Leuchten, Bänke und Brunnen sind Teil des künstlerischen Ausdrucks, aber bewusst freigehalten von kompositionellen Vorgaben dieser wuchtigen Architektur.

Der Bauplan ist an sich schon sehr instruktiv. Während Walter Förderer in seinen künftigen Produkten versuchen wird, sich von der «Regel-Architektur» durch die Konzeption eines artikulierten Projekts zu lösen, ist diese Schule mit dem Innenhof, der Doppeltreppe und den locker angeordneten Klassenräumen quasi eine Übergangslösung. Sie ermöglicht eine «Dekonstruktion» der altbekannten Schulhaus-Typologien und sorgt ausserdem für mehr Licht im Gebäudeinnern, ein zur damaligen Zeit rares Phänomen. Die Kirche von Hérémence wird dann das eigentliche Debüt für Walter Förderer und die artikulierte Raumgestaltung. Das 45-Grad-Winkelmass ist das Zeichenwerkzeug, das ab diesem Zeitpunkt für Raumkomposition und Projektkonzeption verwendet wird. Das Schulhaus von Aesch entspricht zwar noch nicht ganz dieser Herangehensweise, lässt aber bereits eine neue konzeptionelle Autonomie erahnen, die der Emanzipation des Architekten eigen ist.

Für die Realisierung der Basler Schulanlage wurde ausschliesslich Beton verwendet, die Architektur ausgehend von diesem Material entworfen. Die Zentraltreppe erinnert trotz ihrer Kühnheit und luftigen Leichtigkeit an fest verankerte und erdbebensichere Festungsarchitektur. Das Licht ist einzigartig, intensiv. Gleichzeitig wird es von der patinierten Betontextur, die durch zahllose querende Schüler entsteht, stark absorbiert. Es ist, als ob es dank dem glänzenden Boden in vielen Farben strahlt, trotz effektiven Fehlens von Farben in der Komposition. Förderer verwendet hier erstmals nicht standardisierte Architekturelemente als integrierte Bestandteile des Gebäudes. Leuchten, Nischen und bestimmte Treppengeländer sind schon bei der Realisation des Rohbaus fester Teil des Projekts.

Trotz der Wucht dieser Architektur und ihrer plastischen Autonomie ist die Realschule von Aesch bei genauerer Betrachtung ein höchst sensibles, ja berührendes Werk, ist es doch der Beginn einer Architekturphilosophie, die ihre absolute Bestätigung erhalten wird. Walter Förderer wird später im Alleingang, aber in voller Überzeugung der Sache bzw. der Architektur «en taille directe» ab 1963 skulptural höchst anspruchsvolle Bauprojekte von unglaublicher Intensität entwickeln. Von dieser authentischen «Skulptur-Architektur», dem meisterlichen Können und Engagement des Autors zeugen die Sakralbauten von Hérémence, Bettlach und Chur sowie das Kirchenzentrum St. Konrad in Schaffhausen.

1 Förderer, Architecture – sculpture, S. 29, Édition du Griffon Neuchâtel, 1975

Biografie
- Geboren am 21. März 1928 in Nohl, gestorben am 29. Juni 2006 in Thayngen.
- 1945 – 1950 Beginn der Ausbildung zum Typografen, danach Studium der Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule Basel.
- 1950 – 1956 Nach verschiedenen Tätigkeiten als Landschaftsgärtner und Bildhauer arbeitet er als Bauzeichner bei Willi Gossweiler und absolviert später ein Volontariat beim Architekten Hermann Baur.
- 1956 Eröffnung der Ateliergemeinschaft mit Rolf G. Otto, später stösst Hans Zwimpfer dazu. Gemeinsam gewinnen sie die Architekturwettbewerbe für die Schulen in St. Gallen, Aesch und Basel.
- 1963 Bau der katholischen Kirche Saint-Nicolas in Hérémence. Darauf folgen diverse Kirchen- und Pfarreibauten in der Schweiz und Deutschland.
- 1969 –1975 Realisation des katholischen Kirchenzentrums St. Konrad und des Wohnhauses Im Gräfler in Schaffhausen.


AUTOR: CHRISTIAN DUPRAZ
FOTOS: LAURENCE BONVIN

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