Künstlerfrde

Apropos Damián Navarro

Der Lausanner Künstler war 2011 erster Preisträger des Prix Caran d’Ache. Begegnung mit Damián Navarro, der in seinen Werken von Kunstgeschichte, Literatur und fantastischem Kino erzählt. Und ein bisschen auch von sich selbst. /// Dieser Artikel wurde in DADI no1, März 2012 veröffentlicht.

Er hat kein Atelier und will auch keines. «Ich mag den häuslichen Bereich. Wenn ich in der Wohnung arbeite, bin ich gezwungen über einfache Dinge nachzudenken. Dies ist auch der Grund, weshalb ich bisher für die meisten Zeichnungen das A4-Format benutzte.» Damián Navarro, 28, wurde 2011 mit dem erstmals vergebenen Prix Caran d’Ache für zeitgenössische Künstler ausgezeichnet. Arbeitsort ist seine Zweieinhalb-Zimmer- Wohnung in Lausanne. 2007 absolvierte er an der Haute Ecole d’Art et de Design (HEAD) in Genf sein Diplom. Ein Lausanner, der nicht die ECAL absolviert hat? «In Genf habe ich jeweils meine Wochenenden verbracht, weil hier die ganze Familie meiner Mutter wohnt und weil ich es interessant und informativ fand, in einer Stadt zu studieren, in der ich nicht wohnte».
Damián Navarros Werk besteht zunächst aus den Sculptures Parentales, einem Ensemble von Alltagsobjekten, die der Künstler bei seinen Eltern auftreibt und anschliessend in der Galerie ausstellt. Es sind einerseits Skulpturen – die Schale mit dem aufgesetzten durchlöcherten Lappen sieht aus wie eine kleine Maske – und andererseits Beweisstücke, persönliche Indizien, die nachfragen, weshalb Damián Kunst macht.

Anamnese durch das Selbstporträt. Readymade im Dienste der Biografie. Aber einer Biografie, bei der der Betrachter allfällige Arrangements mit der Realität ignoriert. «Ich lasse ihn im Zweifel. Ich hätte das Ganze sehr gut erfinden und die Gegenstände irgendwoher nehmen können, nur um eine Geschichte daraus zu machen.» Die Richtigfalsch-Identitätssuche entwickelte sich bald zu einer Familienangelegenheit. «Meine Eltern haben Gefallen an der Sache gefunden und schlagen mir spontan Objekte vor, die ich in die Kollektion integriere – oder auch nicht. Dann beginnen die Verhandlungen mit Vater und Mutter, denn die Zustimmung aller Beteiligten ist unabdingbar. In diesem Sinn handelt es sich um eine Art Zwang. Aber der Austausch von Standpunkten mit Menschen, die nicht aus der Kunst kommen, ist sehr anregend. Für mich bedeutet dies den Einbezug von Dingen, die nicht Kunst sind. Und für meine Eltern, zeitgenössische Kunst mit andern Augen zu betrachten.» Allerdings vermeidet man es bei den Navarros, zu viel Werbung für das Gemeinschaftswerk zu betreiben. «Zwar sind meine Eltern daran beteiligt, aber sie ziehen es vor, im Hintergrund zu bleiben. Zumal die letztendlich und wahrscheinlich ich selbst bin.»

Rätsel, Vorspiegelungen und Ideenassoziationen inspirieren auch w, fog as the architecture of the invisible. Der Titel ist eine Anlehnung an einen Film von John Carpenter «wo Zombies aus dem dicken Nebel auftauchen». Hommage und Hinweis, dass wie bei den sich in der Wolke aufhebenden Orientierungspunkten der Betrachter dieses Werks sein eigenes Drehbuch verfassen kann. Der neugierige Geist, der sich für Pilze und Literatur, Nahrungsmittel und Kosmos, fantastisches Kino und die Geschichte des Bildes interessiert, findet in der Kombination der beiden Techniken Zeichnung und Fotografie Anregung. «Zu Beginn besuchte ich an der HEAD Fotokurse. Aber ich fühlte mich in der Zeichnung wohler, da ich meine Ideen schneller und richtiger ausdrücken konnte.»
Damián Navarros Werk ist in Kapitel aufgeteilt «ähnlich wie die Kreise in Dantes Göttlicher Komödie» und läuft wie eine Reise ab. Mit einer luftigen Ouvertüre, in der die Weltraumbilder der NASA gemasertem Papier gleichen und das gemaserte Papier wiederum Bildern des Alls. Ein Element, der Buchstabe W, taucht immer wieder auf. Der Künstler hat dem W bereits eine Serie gewidmet, und auch hier findet man es fein gezeichnet im Hintergrund fast jeder Zeichnung. «Der Buchstabe hat verschiedene Bedeutungen. Bis das Internet ihn unverzichtbar machte, war er in mediterranen Ländern eine Seltenheit. Das W verkörpert auch meinen eigenen Werdegang, denn die Diagonalen symbolisieren das Hin- Zurück eines Menschen, der in der Schweiz geboren wurde, dessen Eltern Einwanderer sind.» Damián Navarro öffnet derzeit Kapitel 4 seines umfangreichen Werks. Thema ist die Unterwelt, inspiriert von Fotos der Pariser Abwasserkanäle, die Nadar zwischen 1861 und 1864 gemacht hat. «Das ist interessant. Was tut Nadar gleich nachdem er die ersten Luftaufnahmen an Bord eines Ballons gemacht hat? Er steigt in den Untergrund, um das Abwassersystem, zu fotografieren.» Von ganz oben nach ganz unten. Entfernungen kennzeichnen schliesslich das ganze Oeuvre des Lausanner Künstlers, nämlich die biografische und die geografische Distanz. Ausserdem: «Je nachdem, ob Sie die Zeichnungen direkt davor oder aus fünf Meter Entfernung betrachten, werden Sie nicht das Gleiche entdecken.»

AUTOR: EMMANUEL GRANDJEAN
PORTRÄT: DANIELA DROZ & TONATIUH AMBROSETTI
FOTOS: ANNIK WETTER



DADI Daily
Back to Top